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Bericht ESKA Europacup in Bielsko-Biala/P vom 25. und 27. November 2011

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Nach dem Schweizermeister- nun auch der Europacuptitel für unser junges Dream-Team!!

Eine 23-köpfige Delegation bestehend aus 17 Sportlern und 6 Funktionären nahm das Abenteuer ESKA-Europacup in Bielska-Biala/Polen am 23. November 2011 von der Bye-Bye-Bar im Zürcher Flughafen aus in Angriff. Schon von Weitem erkannte man die in rot und schwarz gekleidete Sportlerschar. 

Nach einem knapp zweistündigen, ruhigen Flug landeten wir in Warschau. Dass die Reise eigentlich erst jetzt beginnen würde, wurde uns so richtig bewusst, als wir in den Bus umstiegen und erfuhren, dass die Fahrt bis Bielska-Biala ca. 6 ½ Stunden dauern würde. Bereits kurz nach der Abfahrt um 15.30 Uhr war es draussen stockdunkel und wir versuchten zu schlafen, damit wir die Dauer der Reise nicht so bewusst mitbekommen würden. Nach zwei Zwischenhalten trafen wir aber schliesslich fahrplanmässig um ca. 21.30 Uhr in unserem Hotel in Bielska-Biala ein.

Ein bisschen gerädert aber sonst frohen Mutes beschnupperten wir mit unseren Blicken unser Zuhause für die nächsten 4 Tage. Mit Erleichterung stellten wir fest, dass unser 4-Stern-Hotel Bestandteil eines riesigen Einkaufszentrums war. Nach dem Einchecken war noch ein Nachtessen organisiert, welches uns nach der langen Fahrt besonders mundete. Als nach dem Essen plötzlich die Lichter ausgingen und der Kellner mit einer riesigen Geburtstagstorte mit 19 brennenden Kerzen den Esssaal betrat, fingen die Augen von Michi Stössel an zu leuchten.

Nach einem „Happy Birthday“ feinster Güte durch den SKR-Chor vorgetragen, machten wir uns über die Kalorienbombe her. Mann – war die fett!!! Ohne grosse Eskapaden (ich habe auf jeden Fall nichts mitbekommen) ging der anstrengende Abend zu Ende.

Am Donnerstag hiess das Programm: Freizeit. Das Einkaufszentrum inklusiv Kino und Restaurants musste genügend Unterhaltungswert bieten, um sich von den Reisestrapazen zu erholen, beziehungsweise die aufkommende Wettkampfnervosität zu verdrängen. Ich weiss nicht mehr genau wann, aber selbstverständlich durfte auch dieses Jahr meine bereits legendäre Einstimmungsansprache zum bevorstehenden Wettkampfwochenende nicht fehlen. Während ich früher versucht habe, die Sportler auch mental auf ihre bevorstehende Aufgabe und den damit verbundenen Nationalstolz usw. vorzubereiten, beziehungsweise zu appellieren, beliess ich es dieses Mal vor allem beim Organisatorischen und einigen Verhaltensregeln wie Pünktlichkeit und Kameradschaft. 

Am Freitag um 13.00 Uhr stieg der Puls unserer Jüngsten zum ersten Mal. Der Car für den Transfer in die Sporthalle ist voll, das Abenteuer „ESKA Bielska-Biala 2011“ beginnt.
Als Erster steht Lukas Inauen im Kata-Wettbewerb im Einsatz. Er bringt seine Trainingsleistung aufs Tatami, hat aber das Pech, bereits in der ersten Runde auf den späteren Silbermedaillen-Gewinner aus Oesterreich zu treffen. So geht dieser Vergleich knapp verloren. Das brutale System der ESKA-Organisation, welches sowohl in der Kata als auch im Kumite ohne Trostrunde funktioniert, verkürzt manche Sportlereinsätze auf ein Minimum.

Im Jugend-Kumite-Einzel kämpft sich Kaan Sentürk auf seine gewohnt fokussierte Art in die dritte Runde vor, wo er sich knapp vor dem Einzug ins Halbfinale geschlagen geben musste. Für Lukas bedeutete eine zu harte Faustattacke seines Gegners sowohl das Ausscheiden in der zweiten Runde als auch das Ende des Turniers. Zum Glück wurden nach einer langen und gründlichen Untersuchung keine gravierenden Schäden an der stark geschwollenen Nase festgestellt. Schade, Lukas hat dieses Jahr vor allem auf mentaler Ebene enorme Fortschritte gemacht, es wäre etwas drin gelegen. Bujar Sejdijaj und Marco Jost konnten sich im Einzelkumite nicht durchsetzen, während Dominik Urban nur fürs Team-Kumite selektioniert wurde. 

Bei den Damen standen Sina Kaufmann und unser Gast aus Liestal Ramona Brüderlin im Einsatz. Sina gewann mit ihrem grossen Kampfgeist die erste Begegnung, muss aber aufgrund des verlorenen zweiten Kampfes erkennen, dass sie aus technischer sowie aus taktischer Sicht noch viel an sich arbeiten muss. Ramona hingegen verstand es, das relativ bescheidene Wettkampfniveau geschickt auszunutzen, und steigerte sich von Kampf zu Kampf. Mit einer fokussierten Kampfweise und einem guten Distanzgefühl gelang es ihr immer wieder mit dem entsprechenden Timing, ihre schnellen Kizamis zu platzieren. Im Final trennten sie schliesslich ca. 3 Sekunden von dem Europacup-Sieg! Bis zu diesem Zeitpunkt lag Ramona mit einem Wazaari in Führung, ehe die Oesterreicherin mit einem Verzweiflungs-Ura-Mawashi den Sieg doch noch an sich riss. Da konnte man wirklich nur noch gratulieren! 

Aber auch Ramona hat einen Superwettkampf gemacht und den Selektionären des SKF gezeigt, dass ihre Selektion für die EM in Baku ein cleverer Schachzug war. Gratulation!!!

Nun standen die Team-Wettbewerbe auf dem Programm. Bei den Damen konnten wir kein Team stellen, da Angela Rufer nicht mehr bei der Jugend starten durfte und uns somit eine Kämpferin fehlte.

Bei den Herren standen mit Kaan Sentürk, Dominik Urban und Bujar Sejdijaj praktisch die gleichen Kämpfer auf der Matte, welche dieses Jahr bereits den Schweizermeistertitel für Shuyukan geholt hatten. Da Lukas nicht mehr einsatzfähig war, wurde er durch Bujar ersetzt.

Bereits im ersten Gefecht gegen Ungarn, mussten unsere Jungs einige harte Pillen (in Form von harten Treffern) schlucken. Die etwas mangelhafte Technik machten die Gegner durch überharte und meist unkontrollierte Treffer wett. Nichts desto trotz, unsere drei Musketiere liessen sich nicht beeindrucken und stiessen souverän in die zweite Runde vor. Auch die Karatekas aus Litauen konnten unseren Cracks nichts Gleichwertiges entgegensetzen und mussten als Verlierer abgrüssen.

Nun stand uns ein prestigeträchtiges Duell bevor. Im Final warteten die Oesterreicher. Auf ESKA-Ebene sind diese, nicht zuletzt weil sie jeweils mit ihrem offiziellen Nationalteam am Start sind, eine Macht und gewinnen neben den Deutschen die meisten Medaillen. Davon liessen sich unsere tapferen Eidgenossen jedoch nicht beeindrucken und besiegten auch die „Habsburger“ nach alter Morgartenmanier.

Matchentscheidend war dabei der direkte Ippon-Sieg von Dominik Urban. Wie beherzt die Jungs zur Sache gingen war wirklich beeindruckend. Ebenso erwähnenswert ist aber die lautstarke Unterstützung der übrigen Delegationsmitglieder während der Kämpfe. Die „Hopp Schwiiz“ – Rufe dürften den Konkurrenten noch lange in den Ohren hallen. Der Jubel der Schweizerdelegation und der siegreichen Wettkämpfer war unbeschreiblich. Bei der erstmaligen Teilnahme am Europacup gleich mit dem Titel nach Hause zu reisen, das hätte wirklich niemand für möglich gehalten. Die vier Europacup-Sieger (inklusive natürlich dem verletzten Lukas) brachten somit das gleiche Kunststück fertig wie vor drei Jahren ihre älteren Kollegen Shemsi, Michi, Nikoll und Robin. M E G A !!!!!!!!

Auf grosse Festivitäten mussten wir verzichten, standen doch am Freitag die Juniorenbewerbe auf dem Turnierprogramm.

Gestartet wurde mit Kata, für welche Nikoll und der wieder mehr oder weniger genesene Lukas angemeldet waren. Trotz guten Vorführungen schieden die beiden in der dritten beziehungsweise in der zweiten Runde aus. Es ist manchmal selbst für die Schiedsrichter nicht einfach, sich in den ersten paar Runden, in denen nur Heian-Katas gezeigt werden, für einen Sieger zu entscheiden.

Nun war die Reihe an unseren Junioren Nikoll Bytyqi, Michi Stössel, Shemsi Aslani und Robin Graf im Kumite. Für einmal konnten sie sich aber nicht wie gewohnt in Szene setzen und schieden alle bereits in der zweiten Runde aus. Da wäre mehr dringelegen!

Umso mehr nahm man sich fürs Team-Kumite vor. Ich als Coach habe jedoch mit etwas mulmigem Gefühl festgestellt, wie die portugiesischen Junioren sich im Einzel Runde um Runde nach vorne kämpften und schliesslich mit zwei Kämpfern im Halbfinale vertreten waren. Die Portugiesen standen wie die Oesterreicher und die Deutschen mit ihren offiziellen Delegationen am Start.

Ich dachte für mich: Das wird die vorgezogene Finalpaarung und wir müssen uns auf Alles gefasst machen. Solche Befürchtungen kennen unsere kampferprobten Shemsi, Michi und Nikoll nicht!

Nach einem gemeinsamen „Eis – zwei – drü – Hopp Schwiiz“ – Anfeuerungsritual standen die drei auf der Startlinie am Tatamirand. Die feste Entschlossenheit, welche die drei Augenpaare ausstrahlten, liessen auf eine interessante Paarung schliessen. Bereits die ersten Kampfsekunden des ersten Kampfes verrieten, dass der bullige Portugiese keine Lust hatte, sich mit dem kleinen Schweizer (Shemsi) über die gesamte Kampfzeit von zwei Minuten herumzubalgen. Kurz darauf musste er aber feststellen, dass er mit Shemsi nicht das grosse Los gezogen hatte. Nach einem interessanten Hin und Her trennten sich die Beiden schliesslich mit einem taktisch geschickten Hike-wake.

Nun war ich gespannt auf den zweiten Portugiesen, welcher mich im Einzelkumite mit seiner extremen Explosivität beeindruckt hatte. Michi auf der anderen Seite, bis zum Platzen gespannt, konnte es kaum erwarten, für seine Freunde die ersten Punkte nach Hause zu bringen. Tsuzukete-hajime – ein kurzes Distanznehmen und schon schnellt der berühmt-berüchtigte Ashi-Barai-Fuss nach vorne – kracht hart auf das Schienbein des Portugiesen – dieser wird herumgewirbelt, fällt koordinationslos zu Boden und noch bevor er sich seiner misslichen Lage bewusst wird, spürt der den ipponbringenen Zuki an seinem Hinterkopf.

Nun war die Ausgangslage für Nikoll klar – ein Unentschieden würde zum Weiterkommen genügen. Von solchen Rechnereien hält der Langnauer wenig. Angeheizt durch die hallenfüllenden Anfeuerungsrufe der gesamten Schweizer Delegation wollte er seinen Teammitgliedern zeigen, dass auch er in der Lage ist, einen Portugiesen mit einem direkten Ippon aus dem Turnier zu werfen. Das machte er dann auch auf souveräne Art und Weise.

Bereits wartete aber ein anderer harter Brocken auf die vier Eidgenossen -  die grossgewachsenen Russen! Ich beliess die Aufstellung gleich – mit Robin Graf als Ersatzkämpfer, jedoch jederzeit bereit, für einen seiner Teamkollegen einzuspringen. Im ersten Kampf musste sich Shemsi mit zwei Wazaaris geschlagen geben. Den zweiten entschied Michi mit einem harten Tsodan-Tsuki und einer direkten Ippon-Wertung für sich. Somit war klar, wie gegen die Portugiesen genügte Nikoll ein Unentschieden.

Nachdem der dritte Russe, welcher ursprünglich im Team kämpfen sollte, Forfait geben musste, da auch er im Einzel ein Opfer von Michis Ashi-Barai wurde, schien uns der Ersatzkämpfer schlagbar zu sein. Leider sind solche Gedanken meistens die Vorreiter einer Enttäuschung, das mussten nun auch wir erfahren. Nach einem taktisch geschickt geführten Kampf erzielte der Russe völlig überraschend 20 Sekunden vor Schluss eine Wazaari-Wertung, welche Nikoll bis zum Ende des Kampfes nicht mehr aufholen konnte. So blieb uns am Schluss lediglich die Erkenntnis, gegen den späteren Turniersieger mit Pech verloren zu haben und im nächsten Jahr in Belgrad wiederum als Mitfavorit auf den Titel an den Start gehen zu können.

Der Sonntag gehörte der Elite. In der Kata starteten Jim Frauchiger aus Bern, Lamberto Grippi aus Wil und Kurt Wyler aus Thun. Während sich Jim bei seinem ersten und Lamberto bei seinem letzten Einsatz an einem Europacup (er erklärte nach dem Turnier seinen Rücktritt) nicht wunschgemäss durchsetzen konnten, qualifizierte sich Kurt mit sauberen Katavorführungen fürs Halbfinale, in welchem die besten acht Athleten die Medaillen untereinander ausmachen.

Ganz nach vorne reichte es Kurt dann schlussendlich noch nicht, der sechste Schlussrang ist aber eine Superleistung! Herzliche Gratulation! Nach einigen Jahren ohne nennenswerte Kataerfolge bei der Elite ist dieses Resultat doch ein Hinweis dafür, dass auch auf Kataebene hart gearbeitet wird. Erfahrungsgemäss geht es in dieser Disziplin immer länger als im Kumite, bis die harte Trainingsarbeit anfängt Früchte zu tragen.

Im Einzelkumite Elite waren neben unseren „Alten“ Dani Rüegg und Marco Luca (Gast aus Grenchen) auch Michi und Nikoll im Einsatz. Während bei den Jungen die Luft nach dem emotionsgeladenen Vortag ein bisschen draussen zu sein schien, kämpfte Marco unglücklich und musste sich bereits in der ersten Runde geschlagen geben.

Seine ganze Routine spielte einmal mehr Dani aus. Im ersten Kampf hatte er gleich gegen den auch auf WKF-Stufe erfolgreichen Matthias Tausch aus Deutschland anzutreten und eliminierte diesen diskussionslos mit zwei Wazaaris. Auch der Irländer in der zweiten Runde war dem sensationellen Antizipierungsvermögen von Dani nicht gewachsen. In der dritten Runde wartete ein 2-Meter grosser Russe, gegen einer seiner ellenlangen Kizamis Dani aber schliesslich knapp kapitulieren musste. Der Russe gewann später den Europacup! Mega-Leistung von Dani!

Es ist für unsere Sportler auch in Zukunft sehr wichtig, von ihm als Kader- wie auch als Dojotrainer profitieren zu können.

Zum Schluss des Turniers konnten wir auch in der eigentlichen Königsdisziplin, dem Teamkumite der Herren ein schlagkräftiges Fünferteam stellen. In der Startaufstellung standen Marco, Michi, Nikoll, Shemsi und Dani.

Den ersten Gegner Wales konnte die Truppe mit einer taktisch klugen Leistung bezwingen. Da die Oesterreicher zu viel Verletzte zu beklagen hatten, mussten sie gegen die Ukraine Forfait geben. Somit waren diese unser nächster Gegner. Wer sich in der Karateszene ein bisschen auskennt, weiss auf welchem Niveau im Ostblock Karate betrieben wird. So war unsere Ausgangslage im Vornherein nicht einfach.

Beide Teams hatten sichtlich Respekt voreinander und die Begegnungen wurden taktisch eher defensiv angegangen. Dass nach fünf Kämpfen aber noch kein einziger Punkt erzielt wurde und somit ein Zusatzkampf entscheiden musste, habe ich noch nie erlebt. Aber es kam noch viel extremer! Dani übernahm spontan die Verantwortung des Entscheidungskampfes, welcher nach Ablauf der Kampfzeit ebenfalls 0 : 0 und damit unentschieden stand. Aber auch das Sai-Shiai endete ohne wertbaren Punkt, sodass ein Encho-Sen entscheiden musste. Das heisst, die erste wertbare Technik entscheidet das Team-Duell. Aber natürlich – wie es kommen musste, auch nach dieser Zusatzminute stand es 0 : 0.

Wer denkt, Dani und sein Gegenüber hätten sich in der Zwischenzeit ausgeruht, täuscht sich gewaltig. Beide versuchten mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln eine Entscheidung herbeizuführen, und bewegten sich bereits am Rande ihres Leistungsvermögens. Das soll ein 35-jähriger mal nachzuahmen versuchen!

Nach dem Hantei und zwei kurzen Pfiffen des Hauptkampfrichters mussten sich die vier Eckenrichter nun für den Sieger entscheiden. Unglaublich – zwei rot – zwei weiss. Die Entscheidungsgewalt lag nun ganz alleine beim Haupkampfrichter. Seine leicht slawischen Gesichtszüge liessen mich Böses erahnen. So war es dann auch – die Ukraine gewinnt gegen die Schweiz durch Schiedsrichterentscheid und zieht in den Halbfinal gegen England ein.

Die Enttäuschung war riesig, selbst die Mega-Unterstützung der gesamten Schweizer Delegation hatte nichts geholfen. Aber das ist Sport und das muss man akzeptieren – ohne Niederlagen sind auch die Siege nichts wert!

Zum Abschluss des Turniers stand am Abend die obligate Sayonara-Party auf dem Programm. Ich möchte darauf nicht näher eingehen, nur soviel; konnten sich die Schweizer auf den Tatamis nicht jedes Mal durchsetzen, auf der Tanzfläche waren sie von A – Z unschlagbar. Ich bin wirklich mega stolz auf diese Truppe und wir werden noch viele Erfolge zusammen feiern.

Die Fotos und Videos des Turniers können auf der Facebook Seite des SKR Fun Kaders angeschaut werden.
Allen, die diesen Bericht lesen, wünsche ich wunderschöne Festtage und wieder viel Enthusiasmus im neuen Jahr.

Beni Stössel